Interview – Borussia Dortmund über die Einführung der ISO 14001- und ISO 50001-Managementsysteme

Logo des BVB: ein gelber Kreis mit schwarzer Umrandung, in der in schwarzen Buchstaben oben "BVB" und darunter "09" stehen

Die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA (im Folgenden „BVB“ oder „Borussia Dortmund“) geht zurück auf den Ballspielverein Borussia 09 e.V. Dortmund, der am 19.12.1909 gegründet wurde. Seit vielen Jahren gehört der BVB zu den markenstärksten Fußballclubs weltweit: Mit durchschnittlich über 80.500 Zuschauerinnen und Zuschauern pro Spiel im SIGNAL IDUNA PARK ist Borussia Dortmund nicht nur sportlich, sondern auch infrastrukturell ein Schwergewicht.

Verantwortung ist seit vielen Jahren ein integraler Bestandteil des Vereins. 2019 wurde eigens die Stabsstelle Corporate Responsibility geschaffen, um alle Themen des Nachhaltigkeitsmanagements strukturell im Unternehmen zu verankern. Neben der Verpflichtung zur nicht-finanziellen Berichterstattung hat der BVB den Global Compact der Vereinten Nationen unterzeichnet. Im vergangenen Jahr wurden die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA sowie ihre Tochtergesellschaften erstmals durch die GUTcert nach DIN EN ISO 14001 für ihr Umweltmanagementsystem (UMS) zertifiziert. Im laufenden Jahr wurde das bestehende System um ein Energiemanagementsystem gemäß DIN EN ISO 50001 (EnMS) erweitert. Durch die Integration des EnMS in das bestehende UMS wurde ein integriertes Managementsystem geschaffen, das seither erfolgreich umgesetzt und kontinuierlich weiterentwickelt wird.

Wir sprachen mit Sebastian Krzyzanowski, Umweltmanager des BVB seit 2023, über Erfahrungen, Herausforderungen und Erkenntnisse auf dem Weg zu einem professionellen Umwelt- und Energiemanagement.

GUTcert: Der BVB veröffentlicht bereits seit der Saison 2016/2017 Nachhaltigkeitsberichte. Klimaschutz, Ressourcenverbrauch und Energieeffizienz standen also schon länger auf Ihrer Agenda. Warum haben Sie sich dennoch entschieden, zwei Managementsysteme einzuführen und zertifizieren zu lassen? Wer oder was war der Treiber?

Krzyzanowski: Nachhaltigkeit und Verantwortung sind beim BVB schon seit vielen Jahren relevante Themenkomplexe. Wir bewegen uns ständig im Spannungsfeld zwischen intrinsischer Ambition und externen gesetzlichen Verpflichtung durch beispielsweise die Corporate Sustainability Reporting Directive, CSRD.

Im Laufe der Zeit kam noch eine weitere Entwicklung seitens unseres Dachverbands, der Deutschen Fußball Liga e. V., DFL, hinzu:  Diese hat in den letzten Jahren die sogenannte DFL-Nachhaltigkeitslizenzierung aufgebaut – ein sehr umfassendes Instrument, das Vereine verpflichtet, jährlich eine Vielzahl an Indikatoren anzugeben: Energie, Wasser, Abfall, Emissionen, Mobilität und vieles mehr. Die Leistungsverbesserung wird über die Jahre bewertet und fehlende oder unvollständige Angaben führen zu Sanktionen. Das hat das Thema ganzheitliche Nachhaltigkeit bei allen Fußballvereinen erheblich professionalisiert.

Früher ging es bei den Debatten um Nachhaltigkeit in den Fußballvereinen eher um soziales Engagement, Antidiskriminierung, Sportförderung und Wirtschaftlichkeit. Das Thema Umwelt kam hingegen oft zu kurz. Das hat sich inzwischen grundlegend geändert: Der Umweltschutz und das Klimamanagement rücken deutlich stärker in den Fokus der DFL-Lizenzierung, sodass eine ausgewogene Nachhaltigkeitspolitik in den Vereinen etabliert wird. In vielen Vereinen gibt es daher mittlerweile Beauftragte für Nachhaltigkeits- oder Umweltmanagement und es werden Ansätze zum systematischen Umweltschutz ins Leben gerufen.

Bei der Lizensierung geht es um die verbindliche Angabe klarer umweltrelevanter Kennzahlen sowie deren Fortschrittsbewertung.  Um glaubwürdige Kennzahlen zu erheben, braucht es Systeme und Strukturen.

So war es auch bei uns im BVB. Ich wurde als Umweltmanager eingestellt, mit der Aufgabe, entsprechende Managementsysteme aufzubauen, denn genau da setzen die ISO 14001 und ISO 50001 an: Sie bringen Ordnung, Datenqualität, Verantwortlichkeiten und Transparenz in ein sehr komplexes Konzernumfeld.  Ich hatte bereits viel Erfahrung mit Managementsystemen in der Industrie, aber es war für mich besonders reizvoll, ein eigenes System im Verein zu etablieren und die zu behandelnden Themen zu erweitern – zum Beispiel durch eine THG-Bilanzierung nicht nur für Scope 1 & 2 (eigener Bedarf), sondern auch für Scope 3, der die Emissionen aus der Mobilität unserer Mannschaft und Gäste, Catering etc. umfasst.

GUTcert: Als Konzern sind Sie verpflichtet, Ihre energiebezogene Leistung nachweislich zu verbessern. Möglich ist dies durch die Validierung von Umweltmanagementsystem nach EMAS oder ein zertifiziertes Energiemanagementsystem nach ISO 50001. Sie haben jedoch zuerst das Umweltmanagementsystem nach ISO 14001 eingeführt und dann dieses um die ISO 50001 erweitert. Warum in dieser Reihenfolge?

Krzyzanowski: Wir haben intern diskutiert, ob EMAS oder ISO 50001 besser zu uns passt. Die Entscheidung fiel zunächst Richtung ISO 50001 – allerdings zeigte sich schnell, dass die Norm nur einen kleinen Teil unseres Konzerns abdeckt: nämlich hauptsächlich technische Infrastruktur und Energieflüsse.

Unsere Realität sieht ganz anders aus: Wir haben fünf völlig verschiedene Bereiche – Merchandising, Reisebüro, Event & Catering, Technisches Management, Fußballakademie – und alle beeinflussen Umweltaspekte wie Abfall, Wasser, Materialeinsatz oder Mobilität.

Deshalb haben wir entschieden, zunächst mit der ISO 14001 zu starten. Diese Norm ist breiter angelegt und ermöglichte uns, alle Bereiche einzubeziehen, Verantwortlichkeiten zu klären und eine unternehmensweite ökologische Perspektive zu etablieren. Erst als diese Basis stand, haben wir die ISO 50001 integriert.

GUTcert: Wie lange dauerte die Einführung der beiden Systeme – von der Entscheidung bis zum ersten Audit?

Krzyzanowski: Die Entscheidung zur Einführung der ISO 14001 fiel im Februar 2023, das Audit fand April/Mai 2024 statt – also nach etwa 15 Monaten. Diese Zeit haben wir jedoch auch gebraucht. Zu Beginn haben wir immer wieder mit externen Beratern zusammengearbeitet, um Zeit zu sparen. Im Verlauf des Projekts haben wir jedoch festgestellt, dass es besser ist, das System nicht ad hoc einzuführen und dabei die Menschen zu verlieren. Alle mitzunehmen, vernünftig zu erklären, worum es geht, und die einzelnen Bereiche zusammen mit den Mitarbeitenden herunterzubrechen: All das braucht Zeit, und das war gut so.

GUTcert: Wo sehen Sie nachträglich die größten Herausforderungen bei der Einführung und Zertifizierung?

Krzyzanowski: Ganz klar: die Mitarbeitenden abzuholen. Unsere Kolleginnen und Kollegen arbeiten in einem hochdynamischen Umfeld – Fan-Shops, Stadionlogistik, Eventgeschäft, Reisebüro. Nachhaltigkeit ist dort anfangs nicht die allererste Priorität. Bei den Kick-offs war vielen nicht sofort klar, welche Rolle sie im System spielen und welchen Einfluss ihr Bereich auf Umweltkennzahlen hat. Das musste wachsen.

GUTcert: Wie haben Sie die Akzeptanz aufgebaut? Was hat besonders geholfen?

Krzyzanowski: Geholfen hat sicherlich die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz der Notwendigkeit des Umwelt- und Klimaschutzes. Ich musste beispielsweise keine grundlegenden Debatten über Speisereste im Stadion führen. Vieles ist mittlerweile selbsterklärend, schließlich geht es auch ums Geld. Unsere Aufgabe war es, die richtigen Prioritäten bei den Zielen und Maßnahmen zu setzen, sodass jeder Bereich seine eigene Spezifik bekommen hat. Auch die Beteiligung der Verantwortlichen aus den einzelnen Bereichen im Umweltteam war eine Frage der Motivation und kein „Muss“. Heute finden sich immer mehr Menschen, die sich auch privat für solche Themen interessieren und gerne mit anpacken.

Was für uns ebenfalls wichtig war, sind die regelmäßigen Sitzungen des Umweltteams: Anfangs sehr theorielastig, da wir viel über die Normanforderungen und deren Interpretation auf unser Geschäft gesprochen haben. Später wurde es immer konkreter und spezifischer. Die Startphase mit der Theorie ist zwar absolut notwendig, darf jedoch meiner Meinung nach nicht zu lange dauern, um die Kolleginnen und Kollegen nicht zu verlieren. Es muss schneller ins „Doing“ übergehen. Die Kolleginnen und Kollegen sind motivierter, wenn sie einbezogen werden, mitmachen können und die Ergebnisse sehen – sei es beim nachhaltig produzierten T-Shirt im Fan-Shop oder bei der Neuausrichtung der Speisekarte.

Dazu kommt der Rückenwind seitens der Geschäftsführung, die immer ökologische und wirtschaftlich vertretbare Lösungen unterstützt und das interne Know-how im Konzern sichert: Wir haben es gemeinsam geschafft, im Haus die Expertise im Nachhaltigkeitsteam aufzubauen, sodass wir grundsätzlich nicht mehr auf externe Unterstützung angewiesen sind und unser System selbst steuern und verbessern können.

GUTcert: „Ökologische Verantwortung“ gehört seit Jahren zu den wesentlichen Themen des Unternehmens, d.h. einige umwelt- und klimaschonende Maßnahmen wurden bereits früher in die Wege geleitet. Was hat sich seit Einführung der Managementsysteme im Alltag sichtbar verändert? Wo spüren Sie den Unterschied am stärksten?

Krzyzanowski: Wir sind in allen Bereichen aktiv, um negative Auswirkungen zu reduzieren und zu vermeiden – sei es durch eine deutliche Elektrifizierung unseres Fuhrparks, die Umsetzung des neuen Konzepts für das Abfallmanagement, den Anschluss an Fernwärme ab 2026 oder die Inbetriebnahme einer der größten PV-Anlagen der Welt auf einem Stadion. Auch in den Dienstleistungsbereichen sind wir merklich vorangekommen: durch verschiedene Angebote zum Umgang mit Speiseresten, bei denen alle drei Dimensionen zusammenkommen – Reduzierung der Kosten und der Mengen an Abfällen bei gleichzeitiger sozialer Hilfeleistung, beispielsweise für die Dortmunder Tafel. In unserem Fan-Shop führen wir nach und nach die Beschaffung von Artikeln mit verschiedenen Zertifizierungen ein, die unsere ethische Haltung auch hier zum Ausdruck bringen, zum Beispiel der Global Organic Textile Standard (GOTS) für Bio-Fasern in Textilien.

Im Stadion analysieren wir neben den Energie- auch Wasserverbräuche über ein Monitoring-System und erkennen Unregelmäßigkeiten sofort. Auf dem Trainingsgelände nutzen wir Regenwasserzisternen, um Flächen umweltfreundlicher zu bewässern.

Am stärksten spüren wir den Unterschied in der Datenqualität. Früher hatte man viele Annahmen, heute haben wir valide Messwerte. Dazu kommt die bereichsübergreifende Zusammenarbeit: Umwelt- und Energiethemen hängen nicht mehr an einzelnen Personen, sondern sind Teamarbeit. Und schließlich die professionellere Außenkommunikation. Wenn wir heute Ziele kommunizieren, tun wir das nur, wenn wir sie belegen können. Für einen Club mit hoher Öffentlichkeitswirkung ist das essenziell.

GUTcert: Helfen Managementsysteme, gewisse Entscheidungen schneller zu treffen, als es möglicherweise früher der Fall war?

Krzyzanowski: Ja, absolut. Vor allem helfen dabei die Kennzahlen. Zum Beispiel monitoren wir die Anzahl der Speisereste pro Spieltag. Sollten große Unterschiede zwischen einzelnen Tagen auftreten, können wir schnell Rückschlüsse auf unsere Catering-Leistung ziehen.

Wir spüren eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu den „vorsystemischen“ Zeiten: Es geht um die Verbesserung der Leistung durch gezielte Maßnahmen und um die Möglichkeit, den Fortschritt durch das neu geschaffene Kennzahlensystem nachzuweisen und neue, glaubwürdige Ziele zu setzen. Es ist plastischer und transparenter geworden, was natürlich auch die Kommunikation nach innen und nach außen deutlich erleichtert. Wir sind beispielsweise gut auf die Prüfung der ESG-Nachhaltigkeitsdaten durch Wirtschaftsprüfer vorbereitet: Die Datenbasis liegt vor.

GUTcert: ISO-Managementsysteme verlangen die aktive Mitarbeit aller Beschäftigten – jeweils in dem Umfang, der an ihrem Arbeitsplatz sinnvoll und umsetzbar ist. Neben neuen Regelungen wie Betriebs- und Arbeitsanweisungen, Wartungsvorgaben, Einkaufsrichtlinien und den dafür erforderlichen Kenntnissen kommt an einigen Stellen auch die Pflicht zur Dokumentation hinzu. Wie erleben die Kolleginnen und Kollegen den Arbeitsalltag mit diesen Managementsystemen? Erkennen sie Vorteile eines Handbuchs, auch wenn dieses nicht ausdrücklich vorgeschrieben ist? Und was können Sie System-Einsteigern empfehlen?

Krzyzanowski: Durch die Konzernstruktur hatten wir schon genug Regularien zu beachten. Nun ging es darum, diese zu erweitern. Die Akzeptanz der Managementdokumentation hängt stark davon ab, ob das System schlank gehalten wird oder nicht. Wir arbeiten daran, es so kurz und übersichtlich wie möglich zu gestalten.

Aus meiner Berufserfahrung wusste ich bereits, dass die Integration der Ansätze, Regeln und Dokumente im Rahmen der ISO-Welt ziemlich anspruchsvoll ist. Daher bot es sich an, die ersten Regeln im UMS-Handbuch festzulegen und diese dann ein Jahr später um die Energiebelange zu erweitern.

Ein weiteres wichtiges Thema ist der Wissenstransfer, der durch die verbindliche Dokumentation weiter professionalisiert wurde: Wenn das Know-how immer im Unternehmen bleibt, wird die Einarbeitung neuer Mitarbeitender deutlich leichter.

GUTcert: Sie haben jetzt noch etwas Zeit zum Träumen: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Krzyzanowski: Die Perspektive von fünf Jahren passt sehr gut: Wir haben unsere Konzernziele in der Nachhaltigkeitserklärung kommuniziert. Ich hoffe, dass wir mithilfe unserer Managementsysteme die Emissionen im Scope 1 und Scope 2 um 50 % und im Scope 3 um 12,5 % reduzieren können. Wenn ich weiter träumen darf, wünsche ich mir, dass wir als BVB bis 2045 unseren Beitrag zur Einhaltung des 1,5-Grad-Pfads leisten. Dieses Verständnis, dass die ISO-Normen wichtig und elementar sind, aber letztlich nur Instrumente sind, um höhere Ziele zu erreichen, ist essentiell, um auch die Kolleginnen und Kollegen mitzunehmen.

GUTcert: Herzlichen Dank für das Teilen Ihrer Erfahrungen und Ihre Zeit!

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