Trends in der E-Mobilität – GUTcert im Interview mit dem Experten für E-Mobilität Andreas Varesi
Im Interview erklärt Andreas Varesi Trends und aktuelle Herausforderungen rund um die Elektrifizierung von Nutzfahrzeugen.
Andreas Varesi (u. a. Gründer der eMobile Academy und Gründungsmitglied des Bundesverbands Neue Mobilität e.V.) ist seit fast zwei Jahrzehnten als Experte für Elektromobilität tätig – und bringt jede Menge Erfahrung aus der Praxis mit. Im Interview sprechen wir mit ihm über die aktuelle Situation rund um die Elektrifizierung von Nutzfahrzeugen, erhalten Expertentipps für die Praxis und erläutern, wie Ihnen unser Seminar zur Elektrifizierung von Nutzfahrzeugflotten beim erfolgreichen Umstieg auf E-Fahrzeuge helfen kann.
Aktueller Stand der Elektrifizierung von Nutzfahrzeugen
GUTcert: Herr Varesi, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben. Sie sind seit fast 20 Jahren im Bereich E-Mobilität unterwegs. Wie ist der aktuelle Stand in Deutschland bei der Elektrifizierung im Bereich Nutzfahrzeugflotten? Kommen wir gut voran?
Varesi: Das muss man natürlich irgendwo in Relation zum Hochlauf der normalen E-Mobilität – also mit PKWs – betrachten. Im Vergleich zur Pkw-Elektromobilität hinken Nutzfahrzeuge deutlich hinterher. E-Autos machen 22 % der Neuzulassungen aus, Transporter etwa 12 % und E-Lkw fünf bis sechs Prozent. Je größer das Fahrzeug, desto höher die Investition und desto zögerlicher entscheiden sich Fuhrparkverantwortliche für den Kauf. Analysen zeigen, dass 2025 nur rund 3.900 von erwarteten 9.000 schweren Nutzfahrzeugen zugelassen werden. Die Gründe dafür sind vielfältig – vor allem Kosten, Ladeinfrastruktur und politische Rahmenbedingungen.
GUTcert: Die Umstellung der Flotte auf umweltfreundliche Alternativen ist für viele Unternehmen Teil der Strategie, insbesondere im Rahmen ihres Umwelt- oder Energiemanagements. Welche Probleme treten in der Praxis auf, etwa bei der Abrechnung an Ladesäulen, und welche Strategien haben sich bewährt?
Varesi: Die Einführung von Ladeinfrastruktur ist komplexer, als viele zunächst denken – hier kann viel schiefgehen. Entscheidend ist die sorgfältige Planung: Wie viel Ladebedarf besteht, wer darf laden, wie erfolgt die Abrechnung? In Deutschland gelten rund 70 Regularien, die beachtet werden müssen. Wird die Infrastruktur von einem Fremdanbieter betrieben, muss dennoch sauber abgegrenzt werden, welcher Strom für Unternehmensfahrzeuge genutzt wird und welcher für Dienstwagen oder Privatfahrzeuge. Ohne automatisierte Abrechnung entstehen schnell regulatorische und organisatorische Probleme.
Zudem sollte die Infrastruktur mit der Flottenentwicklung skalieren. Netzanschlüsse, Solaranlagen oder andere Energiequellen müssen integriert werden. Strategisch sinnvoll ist, die Ladepunkte rechtssicher zu betreiben, Messverfahren für die Bilanzierung einzusetzen und die Flottenplanung auf Ladekapazitäten abzustimmen. Wer hier sorgfältig vorgeht, verbessert nicht nur die Energieeffizienz, sondern vermeidet auch regulatorische Risiken.
Typische Herausforderungen beim Einstieg in die E-Mobilität
GUTcert: Welche Hürden und typischen Fehler begegnen Unternehmen beim Einstieg in die E-Mobilität?
Varesi: Ein häufiger Fehler ist, Fahrzeuge ohne Beteiligung der Fahrer einzuführen. E-Mobilität ist nicht nur ein technisches oder ökologisches, sondern auch ein emotionales Thema. Wer Fahrer früh einbindet, Probefahrten ermöglicht und die Vorteile erläutert, erreicht höhere Akzeptanz. Technische Herausforderungen lassen sich meist lösen. Schwieriger sind Netzanschluss, Regulatorik und langfristige Infrastrukturplanung. Frühe Abstimmung mit Netzbetreibern, strategische Planung der Ladeinfrastruktur und Einbindung der Mitarbeiter sind entscheidend. Nur so lassen sich spätere Investitions- und Betriebsprobleme vermeiden.
Wirtschaftlichkeit – wann lohnt sich der Umstieg wirklich?
GUTcert: Viele Entscheider fragen nach der Wirtschaftlichkeit – wann rechnet sich eine elektrische Flotte?
Varesi: Das hängt stark vom Fahrprofil ab. Innerstädtische Lieferungen oder Routen mit Mautpflichten wirken positiv auf die Wirtschaftlichkeit. Hinsichtlich der Total Cost of Ownership kann der Investitionsmehraufwand gegenüber einem vergleichbaren Verbrenner durch niedrigere Stromkosten, geringeren Wartungsaufwand und den Wegfall von Mautgebühren bereits nach anderthalb bis zwei Jahren kompensiert werden. Dazu kommen Förderungen und THG-Prämien. In wenigen Szenarien bleibt Diesel wirtschaftlicher – etwa bei langen Strecken in ländlichen Regionen ohne ausreichende Ladeinfrastruktur.
GUTcert: Sie haben gerade das Thema Maut angesprochen – können Sie das etwas vertiefen?
Varesi: Die Mautbefreiung für elektrisch betriebene oder emissionsfreie Lkw ist ein entscheidender Kostenvorteil. Die Bundesregierung hat diese Regelung bis 30. Juni 2031 verlängert. Ein Lkw ab 7,5 Tonnen kann heute jährlich Mautkosten von 30.000 bis 40.000 Euro und mehr verursachen. Durch die Befreiung entfallen diese Kosten vollständig – das erklärt auch, warum sich die Mehrkosten für die Anschaffung eines E-Lkw oft bereits nach anderthalb bis zwei Jahren amortisieren.
Entscheidend ist jedoch, dass Ladeinfrastruktur und Fahrzeiten optimal abgestimmt sind. Ein hoher Mautvorteil allein nützt wenig, wenn unterwegs zusätzliche Ladezeiten entstehen. In der Praxis lohnt sich die Investition besonders für Unternehmen mit hohen Mautkosten auf ihren Strecken.
GUTcert: Viele Unternehmen werden gerade bei E-LKWs von hohen Anschaffungskosten oder fehlenden Schnellladestationen abgeschreckt. Kann sich der Umstieg auf E-LKWs heute trotzdem lohnen?
Varesi: Mit Ladeoptionen über Nacht oder Schnellladern lassen sich Batterien von 300–400 kWh effizient nachladen. Bei großen LKWs können HPC-Schnelllader mit 350 kW die Batterie innerhalb einer Stunde aufladen; zukünftige Megawatt-Ladepunkte sollen dies auf 20 Minuten reduzieren. Entscheidend ist die Abstimmung von Fahrprofil, Ladeinfrastruktur und Pausen. Wer die Routenplanung strategisch anpasst, kann auch heute schon von Kostenvorteilen profitieren.
Was Unternehmen für den Umstieg auf Elektroflotten brauchen
GUTcert: Was braucht es im Unternehmen, damit der Umstieg auf elektrische Flotten gelingen kann? Welche Kompetenzen benötigen die Mitarbeitenden?
Varesi: Man sollte so einen Umstieg nie allein machen, sondern sich einen Berater oder Lösungsanbieter holen, der Erfahrung hat. Die Vielfalt der Herausforderungen ist groß: regulatorisch, technisch, energetisch. Wenn man jedoch selbst wenig Kompetenz hat, stellt man die falschen Fragen, und selbst der beste Berater kann nicht helfen.
Entscheider und Verantwortliche sollten sich vorab gründlich informieren: Welche Faktoren sind entscheidend? Wo liegen die Kostenvorteile? Welche Ladeinfrastruktur brauche ich wirklich? So kann man schon vor der eigentlichen Umsetzung einschätzen, welche Lösungen sinnvoll und zukunftssicher sind. Man spart Zeit und Geld, weil man die richtigen Fragen stellt und das Konzept vordenkt, bevor teure Beratung kommt.
GUTcert: Wie schätzen Sie die Entwicklung bei der Elektrifizierung ein? Wie könnte es in den nächsten 5 Jahren weitergehen und worauf sollten sich Unternehmen jetzt schon einstellen?
Varesi: Technologisch wird die Elektrifizierung weiter an Fahrt gewinnen. Batterien werden leistungsfähiger, Fahrzeuge effizienter und kostengünstiger, und die Ladeinfrastruktur wächst kontinuierlich. Ähnlich wie der digitale Film den chemischen Film ablöste, setzt sich die E-Mobilität zunehmend durch: Sie ist einfacher herzustellen, wirtschaftlicher im Betrieb und zunehmend praxisnah einsetzbar.
Unternehmen sollten jetzt strategisch planen: Ladeinfrastruktur, Flottenprofile, Energiebilanzierung und Fördermöglichkeiten müssen in Einklang gebracht werden. Wer diese Weichen früh stellt, profitiert nicht nur von Kostenvorteilen, sondern auch von höherer Betriebssicherheit, regulatorischer Rechtssicherheit und einer besseren Umweltbilanz. Die kommenden fünf Jahre bieten die Chance, die Transformation aktiv zu gestalten und sich langfristig Wettbewerbsvorteile zu sichern.
GUTcert: Herr Varesi, vielen Dank für die spannenden Einblicke und Erfahrungen aus der Praxis.
Elektrifizierung von Nutzfahrzeugen als strategischer Wettbewerbsvorteil – gewusst wie
Die Elektrifizierung von Nutzfahrzeugflotten ist mehr als ein Umweltprojekt – sie bietet Unternehmen einen strategischen Wettbewerbsvorteil. Wer jetzt die Weichen stellt, Ladeinfrastruktur, Fahrprofile und Kosten im Blick behält und die Mitarbeitenden früh einbindet, sichert sich Effizienz, Wirtschaftlichkeit und eine bessere Umweltbilanz. In unserem 2-tägigen Seminar erhalten Sie praxisnahe Einblicke und konkrete Handlungsempfehlungen, um den Umstieg auf E-Flotten erfolgreich zu planen und umzusetzen – damit Ihr Unternehmen den Umstieg zur Elektromobilität erfolgreich gestalten kann.
Das Interview führte Cedric Sell (GUTcert).